Wildpferde auf Madeira – 1975


Wildpferde auf Madeira – 1975

Wir schreiben das Jahr 1975. Unsere Tochter May-Britt ist 16 Jahre alt. Ob Sie mit uns zusammen noch einen Sommerurlaub machen möchte? Durch Zufall lese ich in einem alten Merian Heft über Madeira, Portugals „schwimmenden Garten“, „Blumeninsel“, „Perle im Atlantik“. Drei Namen für ein ganzjährig blühendes vulkanisches Eiland mit einer faszinierenden Landschaft. Beim Weiterlesen wird berichtet, dass es auf der Hochmoorfläche noch Wildpferde geben soll. Da unsere Tochter Pferde liebt (sie reitet auch gerne), habe ich den Vorschlag gemacht, Urlaub auf der auch für seine Wälder, wildzerklüftete Berge, atemberaubende Steilküsten, tropische und subtropischer Vegetation berühmten Insel zu verbringen. Wir drei waren uns einig. Diese Insel ist ein Paradis für Naturliebhaber. Es sollte ein Hotelurlaub verbunden mit einer Bergwanderung sein. Um uns im Gebirge und auf der Hochmoorebene zu orientieren, haben wir uns eine genaue Landkarte, herausgegeben vom Instituto Geografico e cadastral (1:50.000) in einem Heidelberger Kartengeschäft gekauft. Da es auf der Hochebene und im Gebirge nur vereinzeln Schutzhütten geben soll, haben wir uns entschlossen, ein Zelt mit Isomatten, Gaskocher, Geschirr und Lebensmitteln mitzunehmen. Vielleicht bestand auch die Chance, Wildpferden zu begegnen. Im Odenwald auf einer Lichtung haben wir schon einmal ausprobiert, ob wir zu dritt in einem 2-Mann Zelt schlafen können. Wir fanden das in Ordnung. Jetzt noch über ein Reisebüro die Reise bei Touropa buchen. Die Insel zeichnet sich durch großen Fischreichtum aus. Da wir drei gerne Fisch essen, haben wir das Hotel nur mit Frühstück gebucht. Die Koffer und Rucksäcke und mit großer Sorgfalt gepackt. Jetzt kann es losgehen. Hoffentlich wird es jetzt im August nicht zu heiß werden. Lassen wir uns überraschen.

Nach einem schönen ruhigen Flug von Frankfurt am Main über die schneebedeckten Berge der Schweiz landen wir nach etwa 4 Stunden in Funchal, der Hauptstadt von Madeira. Was wir Touristen allerdings nicht wussten und auch nicht in den Katalogen erwähnt wurde, war der Landevorgang auf der Insel. Dieser Landeanflug konnte ausschließlich von gut ausgebildeten Piloten mit viel Erfahrung gemeistert werden. Die Insel liegt im Atlantik und die Landebahn ist sehr kurz. Wir haben knapp vor unserer Landung ein Flugzeug beobachtet, dass noch einmal voll durchstarten musste, weil der Pilot das Flugzeug nicht früh genug abgebremst hatte und bei anhaltender Geschwindigkeit drohte über die Klippen zu stürzen. Nach problemloser Landung unsererseits holt uns der Touropa Bus vom Flughafen ab. Auf der Fahrt zu unserem Hotel in Funchal säumen Aganathus (afrikanische Liebesblume) mit blauen und weißen Blütenkegeln und prächtige Hortensien in vielen verschiedenen Farben die Straßen. Das kleine Hotel etwas oberhalb der Stadt auf einem kleinen Hügel, eingebettet in einer Bananenplantage, macht einen guten Eindruckt. May-Britt hat ein eigenes Zimmer bezogen.

Die Koffer sind ausgepackt. Jetzt sind wir neugierig darauf, um all das zu entdecken, was im Reiseführer über Funchal und die Altstadt steht.

Funchal wurde 1508 zur Stadt erhoben und war gleichzeitig Bischofssitz. Der Name Funchal leitet sich ab von „funcho“ – Fencheltee, der in großen Mengen in dieser Gegend angebaut wurde. Weiter heißt es im Reiseführer: Funchal mit seinen Alleen, blütenüberwucherten Mauern, Häuser umgeben von subtropischen Parks, Kirchen, Klöstern, interessanten Museen und der alten Kathedrale läd zu einem Spaziergang ein. Leo meinte, er möchte zuerst zum Hafen gehen. „Vielleicht sehen wir dort ein wunderschönes Segelschiff“. In der „Avendia do Infante“ kommen wir an dem mit vielen Blumen gepflegten „Parque de Santa Catarina“ vorbei und haben von hier oben einen herrlichen Blick auf die Hafenbucht. Viele kleine Fischerboote dümpeln vor sich hin. Leider ist kein großer Segler zu entdecken. Beim Weitergehen steht auf einem Steinsockel der stolze in Bronze gegossene Christoph Kolumbus. Sein Blick ist auf das weite Meer gerichtet. Kolumbus lebte vor seinen berühmten Entdeckungsreisen eine Zeit lang auf Madeira. Stadteinwärts kommen wir an der stolzen Festung „São Lourenço“ vorbei, mit wuchtigen Mauern ohne jedes Fenster. Im 18./19. Jahrhundert wurde das Innere zum Palast umgebaut, in dem sich heute der Amtssitz des Ministers der Republik befindet. Die Hauptstraße führt genau auf die Kathedrale „Se“ zu. Dieses Gotteshaus ist eines der wenigen Bauwerke in muslimischem Stil, die in Funchal erhalten blieben. 1514 erstellt; schlicht ist die Fassade. Die Natursteinfront des Mittelschiffes wird nur durch das majestätische Portal mit Steinmetz Verzierungen in Rankenform unterbrochen. Darüber befindet sich eine prächtige Fensterrosette. Den Giebel krönt das Kreuz des Christusordens. Der Turm trägt ein spitzes Dach, das in der Sonne in vielen Farben glitzert, da es mit kleinen, geometrisch angeordneten Fliesen gedeckt ist. Die aufwendig in Holz geschnitzten und üppig mit Blattgold belegten Altäre kamen erst in der Barockzeit hinzu. Die Holzdecke, zu der wir staunend hinaufsehen ist im Mudejarstil von Hand geschnitzt und mit Elfenbeinintersien versehen.

Azulejos

Die für Portugal typische Fliesenkunst erreichte im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Auf unserem Spaziergang bestaunen wir diese bemalten, glasierten Fliesenbilder, meist in den Farben blau und weiß. An Hauswänden und Eingängen erzählen diese wunderschönen Fliesen oft eine ganze Geschichte. Es sind Szenen aus dem alltäglichen früheren Leben.

Nach den vielen neuen Eindrücken wollen wir heute Abend einen guten Fisch essen. Auf der Speisekarte eines kleinen Restaurants wird „Atum“ (Thunfisch) angeboten und wir drei haben schnell unsere Wahl getroffen. Das Filet schmeckte fast wie Fleisch und war köstlich zubereitet mit viel Knoblauch.

In Funchal gibt es noch viel zu entdecken. Zum Beispiel die verwinkelte Altstadt mit ihren engen, steilen, glatten basaltgepflasterten Gassen und den schmucken Häusern. Leider waren viele Hauswände 1975 in dieser politisch unruhigen Zeit mit politischen Nationalsozialistischen Wahlsprüchen voll besprüht und gleich daneben ein Hakenkreuz. Die politischen Auseinandersetzungen sind in der ganzen Altstadt zu sehen. Hier ein Hakenkreuz und ein paar Straßen weiter Hammer und Sichel. Manche Wände sehen dahingegen wie moderne Gemälde aus und waren uns ein Foto wert.

Portugal wurde 1974 mit der „Nelkenrevolution“ der Übergang von einer Diktatur zur Demokratie vollzogen. Für Madeira hatte das weitgehende Folgen. Unter der Diktatur war die Insel in allen Fragen von Entscheidungen aus Lissabon abhängig. Jetzt hoffte man auf eine gewisse Selbstverwaltung. Die Unabhängigkeitsbewegung FLAMA, die für eine vollständige Loslösung von Portugal plädierte, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Stattdessen siegten wie bei den ersten Wahlen 1975 auf Madeira ebenso wie auf dem portugiesischen Festland die gemäßigten Kräfte.

Auf die Wände Parolen zu sprühen, so denke ich ist halt billiger als Wahlplakate zu drucken. Aber wir spazieren weiter über ein blumengeschmücktes Bachbett und am Justizpalast vorbei zur „Praca do Municipio“, dem Ratshausplatz. Das Rathaus stammt aus der Barockzeit. Ende des 18. Jahrhunderts lies es Graf de Carvalhal, damals der reichste Mann der Insel, als Wohhaus herrichten. 1883 verkaufte die Grafenfamilie den Palast an die Stadt, die hier das Rathaus einrichtete. Dominiert wird der Rathausplatz vom Jesuitenkolleg. Wunderschöne graphische Elemente z.B. die Fassade des Kollegs aus dem 17. Jahrhundert setzen sich im Straßenpflaster fort. Dieser Platz gefällt uns ganz besonders gut.

Madeiras Weine

Über Madeiras Weine haben wir bisher wenig gehört und gelesen aber im Reiseführer wird ausführlich darüber berichtet. Als wir auf der Avenida do Infante an einer großen Straßenkreuzung Praca do Infante, in dessen Mitte das Wasser eines Springbrunnens rund um eine Weltkugel plätschert, sehen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Lichtreklame: Bland’s, Madeira Wine Company. Es soll die beste Bodega sein. „Was meinst du Leo, sollen wir hier mal eine Weinprobe machen, um zu wissen, welcher Wein am besten zu den köstlichen Fischgerichten passt?“ frage ich. Gutgelaunt betreten wir die Weinhandlung und sind von der Atmosphäre angetan. Gedämpftes Licht, weinhaltige, süßliche Luft. Voll klimatisiert. Beim Umschauen sehen wir in den dunkelbraunen Holzregalen an den Etiketten der Weinflaschen exotische Jahrgänge. Etwas unsicher stehen Leo und ich am Tresen. Ein Angestellter lässt uns dann diesen und jenen Tropfen Wein genießen und ganz ehrlich, wir beide genießen das Angebot in vollen Zügen. Was sind wir doch für unerfahrene Dummköpfe! Unsere Tochter sieht uns beim Probieren zu, sagt aber kein Wort. Was hat Sie sich wohl gedacht? Sie hat ihre Eltern noch nie zuvor betrunken gesehen. Beim Verlassen der Weinhandlung passiert dann das Drama. Nach ein paar Schritten in der sehr warmen, subtropischen und würzigen Madeiraluft fangen Leo und ich an zu torkeln. Wir schauen uns an und müssen laut lachen. Unserer Tochter ist der Zustand ihrer Eltern bestimmt peinlich. Wir nehmen sie in die Mitte und haken uns bei ihr ein. Die gekauften Weinflaschen sind gut in Leos Rucksack verstaut. Ganz langsam gehen wir mit unserem seligen Weinrausch zum Hotel zurück. Jetzt wissen wir, was Alkohol alles bewirken kann auf den holprigen Gassen Madeiras. „Entschuldige bitte, May-Britt, wir brauchen jetzt eine Flasche Wasser zur Verdünnung“.

Madeira Wein, ihn tranken bereits die Götter des Olymp. Gemeint ist der Malvasia, der edelste Wein. Sein Name kommt von Monemvassia, der trotzigen steilen Felseninsel am Südostzipfel der Peleponnes, von der seine Reben ursprünglich stammten. Das milde Klima und der vulkanische Boden sorgten dafür, dass auf Madeira die Reben prächtig gediehen. Der süße, schwarze hocharomatische Malvasier war bis in das 19. Jahrhundert hinein der teuerste und meistgeschätzte Wein der Welt. Es ist ein Dessert-Wein, sehr süß. Man trinkt ihn am besten nach dem Essen, dann hat man am meisten von seiner Fruchtbarkeit, von seinem Funkeln, von seinem intensiven Duft.

Es gibt aber auch noch andere gute Weine. Der wertvollste Aperitif ist der sehr trockene, bernsteinfarbene Sercial, dessen Traube einst aus dem Rheinland eingeführt wurde. Auch, aber nicht ganz so trocken ist der Verdelho. Diesen Verdelho und auch den halbsüßen sehr aromatischen Boal haben wir gerne vor einem guten Fleischgericht genossen. Aber zu den köstlichen Fischgerichten schmeckte uns der „Mateus Rose“ am besten, der allerdings vom Mutterland Portugal aus der Gegend von Porto kommt.

Noch ein paar Sätze zur Herstellung dieser weltberühmten Madeiraweine. Der Alkoholgehalt liegt zwischen 16 – 19 %. Nach der Hauptgärung beginnt der monatelange Arbeitsprozess. Dabei wird der Wein auf 40-45° C erhitzt, belüftet, geklärt und alkoholisiert in Holzfässern gelagert.

Am nächsten Tag ein Blick in den Reiseführer. Unbedingt besuchen sollte man die berühmte Markthalle „Mercado dos Lavadores“. Der Markt ist das Herz des lokalen Lebens. Viele Händler bieten ihre Ware an. Die meiste Ware kommt aus der Region. Am Eingang warten Verkäuferinnen und Ihre zahlreiche Kundschaft in ihrer typischen Tracht mit den roten Capes. Ihre Körbe sind gefüllt mit exotischen Blumen in den schönsten Farben. Orchideen, Strelizien, Flamingoblumen, Callas, um nur einige zu nennen. Die Strelizien finde ich, haben so etwas Edles in sich. In Deutschland sagt man auch Papageienblume oder Paradiesvogelblume dazu. Wenn ich die Blüte genau betrachte, so kann man von den Farben her etwas papageienhaftes entdecken. Alle diese Blumen werden sorgfältig für den Heimflug verpackt.

Eine Vielzahl von Stimmen und Gerüchen empfängt uns in der Halle. Um den Innenhof gruppieren sich auf zwei Ebenen malerisch angeordnet Körbe, üppig gefüllt mit exotischen Früchten und Gemüsen.

Durch die Sonne und den Golfstrom ist Madeiras weicher Boden braun gefärbt. Fast wie Kakao und so fruchtbar, dass er eine unendliche Fülle von Blumen und Früchten wie Apfelsinen, Zitronen, Feigen, Guaven, Mangos, Melonen, Papayas, Ananas und kleinen zuckersüßen Bananen hervorbringt. Unsere Augen können sich kaum satt sehen und wandern von einem Stand zum anderen. Es ist unglaublich, fast schon paradiesisch. Durch die vielfältigen Eindrücke vergessen wir dabei fast unsere Fotoapparate in Einsatz zu bringen. Auch Geschäfte mit Lederwaren, Wein und Korbläden befinden sich auf dem Balkon im 1. Stock. Wir gehen weiter in den hinteren Teil des Gebäudes, eine Treppe tiefer. Hier empfängt uns ein ganz anderer Geruch, nämlich der von Meerestieren. Auf den Marmortischen sehen wir ein farbenfrohes Bild: hier die gelblich-silbern schillernden Bäuche der vielen Thunfische, dazu das saftige Rot ihres Fleisches. Ein faszinierender Anblick, wenn der Verkäufer mit einer Art Machete auf Wunsch der danebenstehenden Hausfrau dicke Filetstücke aus den Fischen abschneidet. In scharfem Kontrast befinden sich unmittelbar daneben Tische bedeckt mit tiefschwarzen Muränen ähnlichen Fischen. Dabei handelt es sich um „Espada“, auch Degenfisch genannt. Beim Weitergehen entdecken wir eine Vielfalt von Tintenfischen, Makrelen, Krebsen, Muscheln auf Marmortischen und ihn zahlreichen Körben. Diese ergeben ein prächtiges Farbengewirr von roten, gelben und grünen Tönen. Aber nicht nur ihre Farben fallen auf, auch ihre sehr unterschiedlichen und fantasievollen Gestalten rufen Erstaunen hervor und sind schön anzusehen.

Der wichtigste Speisefisch für Madeira ist der schwarze Degenfisch „Espada“ ein nur um Madeira und Japan vorkommender aalähnlicher schuppenloser Tiefseefisch, der bis zu 2 m lang wird. Er lebt in 1000 m Tiefe und steigt nachts auf 800 m auf. Er wird von den Fischern von Camera de Lobos gefischt, die nachts mit ihren kleinen offenen Booten ein paar Kilometer vor die Küste hinausfahren und dort an Bojen ihre schier endlosen Angelleinen versenken. Am Ende der ein bis zwei Kilometer langen Leine befinden sich die Haken. Als Köder dienen Tintenfische oder Makrelen. Auf unseren neugierigen Spaziergängen durch die Altstadt bleibt Leo plötzlich an einem Schaufenster für Schmuck und Armbanduhren stehen. „Leo siehst du wieder eine interessante Uhr?“ frage ich. „Du kennst mich doch“ antwortet er. Leo liebt Armbanduhren und würde sein ganzes Taschengeld dafür ausgeben. „Der Preis von der Tissot-Sportuhr kann nicht stimmen. Wenn ich diesen Preis in D-Mark umrechne, dann kostet diese Uhr das Doppelte in Deutschland. Frag doch einmal im Geschäft nach, ob das eine gebrauchte Uhr ist.“ Ich sehe Leo erstaunt an, betrete dann das Geschäft und erkundige mich nach dem Preis der ausgestellten Schweizer Uhr. „Ist das der Originalpreis“ frage ich den Verkäufer. „Ja alle unsere Uhren sind Originale“ dabei lächelt er mich freundlich an. Ich bedanke mich für seine Auskunft und stehe draußen bei Leo und May-Britt. „Du Leo, die Tissot Uhr ist eine Schweizer Originaluhr laut Verkäufer“. Leo zögert noch „Du Rita, ich möchte mir die Uhr mit dem Original Garantieschein gerne hier kaufen?“ Fragend schaut mich Leo an. Alle drei betreten wir das Geschäft und Leo ist überglücklich über seine neue Schweizer Uhr. Ein paar Straßenzüge weiter sehen wir in einem Salon deutsche Autos zu einem umgerechneten Superpreis. Die spanische Währung, der Pesos war gegenüber der D-Mark 1975 höchstwahrscheinlich sehr niedrig.

Jetzt sind wir drei auf Schnäppchenjagt. May-Britt und ich kaufen uns eine Silberkette mit Muschelanhänger. Darin steckt eine weiße Perle. In einem Ledergeschäft kommt May-Britt außerdem an einem roten Ledergürtel nicht vorbei.  Nach diesem kurzen Kaufrausch sind wir um einige Stücke bereichert, die wir nach Deutschland mitbringen. 

Vor lauter Sehenswürdigkeiten in dieser interessanten Stadt dürfen wir nicht vergessen, uns nach eventuellen Übernachtungsmöglichkeiten im Hochgebirge zu erkundigen. Eine Touristeninformation können wir leider nicht ausmachen. Die Regierung unterhält mehrere Berghütten. Dies haben wir von der Touropa Leitung erfahren. Wir gehen gemeinsam zum Governo Regional ins Rathaus in der Avenida Ariaga. Ich spreche einen Beamten an und erkläre ihm auf Englisch, was wir drei vorhaben. Er blickt uns staunend an, dann zeigen wir ihm unsere Wanderkarte. „Ja, wir könnten in einem Haus in Queimadas übernachten, falls noch ein Zimmer frei sein sollte. Dieses Haus wird aber vorbehaltlich für Regierungsbeamte und ihre Familien benutzt“ Antwortet der Beamte. Er übergibt uns sogar ein Empfehlungsschreiben. „Dann gibt es noch eine Rasthütte in Homen en Pe. Ein Bauer aus der Umgebung wird ihnen das Haus aufschließen. Ich werde ihn anrufen. Wir bedanken uns herzlich für die Auskunft und die Empfehlungen. Leo meint „zur Not haben wir ja noch unser Zelt dabei. Na denn, also los!“.

Was war das wieder für ein eindrucksvoller, hoch interessanter Tag und bei so vielen Fischangeboten in der Markthalle liegt es nahe, dass wir wieder für den heutigen Abend ein ganz besonderes Restaurant aufsuchen.

Berg Monte

Um uns für die Wanderung in den Bergen fit zu machen, wollen wir heute auf den Berg Monte 550 m, ca. 6 km oberhalb der Funchal gehen. Wir nehmen unsere Wanderkarte zur Hand und als wir aufwärts über Terrassen von bearbeiteter Erde, Terrassen voller Früchte und Weinreben steigen, spüren wir die frische Brise vom Atlantik. Wir kommen an riesigen Bananenplantagen mit lichtdurchleuchteten, fransigen Blättern und Orangenhainen mit dunkelgrünem Laub vorbei. Geranien und Hotensien wuchern wild. In Gärten und Gewächshäusern entfalten diese Orchideen ihre ganze Pracht. Es ist geschafft! Wir sind auf dem Monte. Von hier oben genießen wir von der Terrasse eines Bergrestaurants die fantastische Aussicht über die grünen Hügel der Insel bis hin zu den weißen Schaumkronen auf dem Atlantik. Und was wir mit Erstaunen beobachten sind die vielen Touristen, die sich auf eine rasante Fahrt mit dem Korbschlitten auf Holzkufen erfreuen. Wir nehmen an, dass die Touristen mit einem Bus hinaufgefahren sind. Zwischen italienischem, spanischem Gelächter und Fröhlichkeit vernehmen wir auch englisch-portugiesische Kommandos. Jeweils zwei Korbschlittenfahrer, bekleidet mit weißen Hosen und Hemden und Strohhüten lenken das Gefährt und ziehen oder bremsen je nach Bedarf. Die Fahrt führt auf der steilen, pflasterglatten „Run de Santa Lucia“ nach Funchal. Wollen wir dieses Abenteuer auch unternehmen, fragen wir uns? Wir entscheiden uns aber für einen Besuch der Wallfahrtskirche „Nossa Senhora do Monte“. Treppenstufen führen von der Terrasse steil bergauf. Im 18. Jahrhundert begann man mit dem Bau des sehr aufwendig gestalteten Gotteshauses. In einer mit Blumen ausgeschmückten Seitenkapelle schauen wir auf den Sarg des letzten Kaisers von Österreich, Karl I von Habsburg, der während seines Exils mehrere Monate in einer Villa in Monte wohnte, wo er 1922 fern seiner Heimat starb.

Wir sind guter Laune und wandern vom Berg Richtung Funchal hinunter. Dort setzen wir uns in der Altstadt in ein Café unter herrlich duftenden, hellblau blühenden Glycinien und genießen ein erfrischendes kühles Getränk.

Leider müssen wir diesen schönen Platz verlassen, denn unsere Rucksäcke müssen wir heute Abend noch für unsere Wanderung packen. Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Gaskocher, Essbesteck, Lebensmittel, haltbare Wurst (wie Salami Landjäger) und verschiedene Sorten Knorr Eintopfsuppen. Wir verteilen alles auf drei Rucksäcke. Vorgesehen sind ca. vier Wandertage zum „Pico do Ariero“ 1810 m und dann weiter zum höchsten Berg „Pico Ruivo“ 1861 m. Von dort ist dann der Abstieg nach Santanan an der Küste geplant. Hier wollen wir mit einem Linienbus nach Funchal zurückfahren. Ob wir die Wildpferde auf der Hochebene wirklich entdecken werden? Schauen wir mal.

Rund um die höchsten Gipfel

Am Abend sehen wir uns noch einmal unsere Route auf der Wanderkarte an und beschließen für morgen früh ein Taxi zu bestellen, das uns nach „Terreiro da Luta“ 876 m oberhalb vom Monte fahren soll. Vielleicht schaffen wir den Aufstieg zum Pico do Ariero an diesem Tag.

„Terreiro da Luta“ liegt einsam inmitten eines Waldes. An der Straßenabzweigung steht noch die ehemalige Bergstation der Zahnradbahn, die in den 40er Jahren aber stillgelegt wurde. Wir bedanken uns bei unserem Taxifahrer und wandern durch einen dichten Akazienwald. Moose und Farne wachsen hier in großer Zahl. Bald erreichen wir den „Pico Allo“ 1129 m und genießen von hier oben den Blick auf die nahen Berge. Der Weg führt weiter durch duftende Eukalyptuswälder mit wunderschönen Blumen. Es macht uns echt große Freude durch diese ursprüngliche Landschaft zu wandern. Wir begegnen keinen anderen Wanderern, wir sind hier ganz allein für uns. Ein Blick auf unsere Karte und wir sehen mit Erstaunen, dass wir auf dem „Poco da Neve“ in einer Höhe von 1633 m sind. Hier auf der schönen Hochmoorfläche mit kleinen Wasserfällen beschließen wir zu zelten mit Blick auf unser morgiges Ziel dem Pico do Ariero.

Der Himmel färbt sich orange-rot. Es herrscht eine fast unheimliche Stille um uns herum. May-Britt lässt ihren Blick über das Weite Moor schweifen und sagt: „Jetzt wäre die Zeit, um die Wildpferde zu erblicken. Vielleicht riechen sie von weitem unseren duftenden Kartoffeleintopf mit Speck und Würstchen.“ Die Dämmerung dauert nicht lange. Es ist Nacht geworden. Leider haben wir keine Pferde gesehen. Aber plötzlich erwachen die Frösche ringsherum und bringen uns mit ihrem fröhlichen Gequake ein Nachtständchen. Einer quakt in ganz besonderen Tönen. Wir nennen ihn Carouso.

Wir genießen die beeindruckende Morgendämmerung und warten auf den Sonnenaufgang. Und dann ist er da. Die Luft fängt an zu flimmern. Der heutige Tag wird ein Höhepunkt unserer Wandertrour werden. Die Sonne scheint es gut mit uns zu meinen. Strahlend blauer Himmel; auf dem Hochmoor liegt noch feiner Nebel. Die Frösche schlafen noch. Vielleicht entdecken wir heute auf unserem weiten Weg doch noch Wildpferde. Fertig gefrühstückt, alle Utensilien verstaut. Wir stehen in den Startlöchern und sind auf die nächsten Stunden sehr gespannt. Urwäldlich muten die knorrigen Wälder aus Baumheide an, an denen Leo nicht vorbeigehen kann, ohne aus verschiedenen Perspektiven diese Bäume zu fotografieren. In der Küneburger Heide und anderswo wächst die Erikaheide nur als kleine Sträucher. Aber bei diesem außergewöhnlichen Klima hier auf Madeira sind es ganze Bäume. Die Markierungen der Wanderroute sind leider teilweise unzureichend. Wir orientieren uns deshalb immer wieder an unserer guten Wanderkarte. Der Gipfel des „Pico do Ariero“ kommt immer näher. Die Landschaft ändert sich schlagartig. Hier oben ist es fast kahl, lediglich Farne und Beerensträucher bedecken die Hänge. Es ist geschafft! Wir haben den Gipfel mit 1810 m erreicht. Von hier oben genießen wir die hervorragende Fernsicht nach Norden, Osten und Westen und über die geologisch interessanten Krater und Schichtungen des Gesteins. Mit dem Wetter haben wir echt Glück. In dem Merianheft konnten wir von Nebel und auch von schnellen Wetterumschwüngen lesen. Davon wurden wir ja bisher verschont. Aber der schwierigste Teil unserer Wanderung liegt noch vor uns: der Gipfel des „Pico Ruivo“ 1862 m. Es wird eine recht anstrengende Bergwanderung über den zentralen Bergkamm sein.

Nach einer Rast atmen wir kurz durch und gehen rechts an der steilen Felswand entlang. Auf der linken Seite wandert der Blick in einen steilen tiefen Kessel. Leider sind die Stahlrohre, an denen die Absicherungsseile befestigt sind, um nicht in den Abgrund zu fallen sehr locker und wackelig. Es war wohl schon lange kein Verantwortlicher mehr hier oben, um die Sicherheit für die Bergwanderer zu überprüfen. Das ist uns jetzt eine Warnung. Wir wandern ganz langsam weiter. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ist gefordert und diese Vorraussetzungen, so unsere Meinung, ist bei uns dreien glücklicherweise vorhanden. Der Weg führt uns weiterhin steil bergauf.

Unter einer knorrigen Baumheide machen wir unsere erste Brotzeit. Die Temperaturen sind auch in der Höhe sehr hoch, dazu kommt noch unser schweres Gepäck. Jetzt müssen wir noch viele Steinstufen hinauf und wieder hinab gehen. Zwischendurch genießen wir das herrliche Panorama der zerklüfteten Bergwelt. Nochmals ein Blick auf unsere Karte und siehe da, wir stehen auf dem Pico do Junal 1800 m. Auf schmalen Pfaden erreichen wir den ersten Felsentunnel von drei weiteren. Unsere Taschenlampen geben uns hier beim Durchschreiten der Dunkelheit Sicherheit. Leo und ich sind echt stolz auf unsere Tochter. Ohne Murren und Knurren bewältigt sie schwierige Passagen. Jetzt heißt es aber erst einmal stehen bleiben und einen Schluck Wasser aus der Feldflasche trinken und diese fantastische Gebirgslandschaft genießen und mit der Kamera auf einem Film festhalten. Nach Durchqueren des letzten Felsentunnels gefolgt von einem erneuten steilen Anstieg, sind wir schon 1851 m hoch auf dem „Pico Torres“. Jetzt träumen wir schon vom höchsten Gipfel, dem Pico Ruivo 1862 m. Auch die letzten Meter hinauf werden wir doch wohl noch schaffen! Und stolz stehen wir drei auf dem Gipfel. Wir sind hingerissen von dieser überwältigenden rauen Bergwelt. Ein erhabenes Gefühl dieser Einsamkeit beschleicht uns, hier oben ganz allein zu sein, trotz der großen Anstrengungen. Wir gönnen uns eine längere Pause, wollen aber noch heute die von der Regierung empfohlene Berghütte Homen em Pi 1592 erreichen. Der Weg führt uns langsam an steilen Felswänden bergab. Wir gehen schweigsam hintereinander. „Ob wir wirklich die Berghütte finden?“ geht mir durch den Kopf. Es wäre ein wunderbares Gefühl, nach dieser anstrengenden Wanderung in einem Bett zu schlafen. Und dann entdecken wir tatsächlich von unserem Bergrücken aus unser Ziel. Als wir uns der Hütte nähern, sehen wir mit erstauntem Blick eine größere Gruppe Bergwanderer, die auf das Öffnen des Hauses warten. Es sind junge Engländer, die schon unruhig hin und hergehen, weil sich der Tag langsam dem Ende neigt. Die Wandergruppe beschließt dann aber doch weiter zu gehen. Wir aber wollen bleiben, um zu übernachten. Selbst wenn es eine Zeltübernachtung sein sollte. Wir machen es uns auf der Terrasse so gut es eben geht bequem und kochen unser Süppchen bevor es dunkel wird. Die Bergspitzen glühen noch im letzten Sonnenlicht. Ob wie in Funchal von Beamten versprochen der Bauer wohl wirklich noch kommt und die Hütte aufschließt? Leo holt sein Fernglas aus dem Rucksack und beobachtet die Umgebung. „Ich glaube, der Bauer kommt den Berg herauf“ sagt er. Und tatsächlich, auf der rechten Schulter trägt er eine Gasflasche sage ich begeistert. Dann steht der Bauer vor uns, sieht uns an, sagt „bom dia“ (guten Tag), stellt die Gasflasche auf den Boden und schließt das Haus auf. Wir gehen eine Treppe zu den Schlafzimmern hinauf und suchen uns ein Zimmer mit jeweils vier Etagenbetten aus. Der Portugiese hat in der Zwischenzeit ein paar Bratkartoffeln für sich auf dem Propangasherd zubereitet. Ist das eine verführerischer Geruch. Aber leider nicht für uns.

Mit dem Bauer zusammen setzen wir uns auf die Treppenstufen vor dem Haus und genießen den wundervollen Abendhimmel und die Stille ringsherum. Da wir uns nicht verständigen können, uns aber trotzdem irgendwie verstehen, ist es ein wunderschöner Abschluss des langen Tages und wir sagen „boe notte“, gut Nacht. Morgens wache ich allerdings mit Flohstichen um mein rechtes Armgelenk auf. „Die Flöhe stecken wohl in der Matratze“ sage ich zu mir. Aber das ist nichts Neues. Ich habe auf mehreren Auslandsreisen schon viele Flohstiche gehabt. Sie scheinen einfach mein Blut zu lieben. Nach kurzem Frühstück packen wir unsere Rucksäcke. Von der Berghütte „Homen em Pe“ 1592 m werden wir knapp 700 m absteigen müssen, um nach Queimadas zu gelangen. Wir sind dankbar, dass der Bauer uns noch auf den Abstieg in dieser wilden und kargen Landschaft begleitet. Unterwegs machen wir noch einen kurzen Stopp, um einen kräftigen Schluck Wasser aus unseren Feldflaschen zu nehmen. Außerdem macht Leo noch ein Erinnerungsfoto von May-Britt, dem Bauer und mir. An einer Weggabelung verabschiedet er sich. Wir bedanken uns bei ihm und sagen „adeus“, auf Wiedersehen. Endlich, nach steilen Abstiegen weht uns ein herrlich duftendes Lüftchen entgegen. Der wunderbare Duft kommt von einem Lorbeerwald, den wir beim Durchschreiten sehr genießen. Im Schatten gönnen wir uns eine kleine Pause, denn das Gepäck ist bei den hohen Temperaturen schon lästig. Als wir aber aus dem Wäldchen kommen sehen wir schon von Weitem die hellen kleinen Ferienhäuser und vermuten, dass es die Regierungseigenen Rasthäuser sind. Sie stehen in einer idyllischen Anlage mit Rhodedendron mit Holztischen und Bänken unter Birkenbäumen. Viele junge Familien mit Kindern tollen auf den Wiesen herum. Wir suchen eine Ansprechperson, die wir in einem der Häuser schließlich aufspüren und geben ihm unser Empfehlungsschreiben. Er zeigt uns zwei Zimmer mit jeweils zwei Etagenbetten. In einem wollen May-Britt und ich schlafen, das andere Zimmer nimmt sich Leo. In dem Haus steht in der Mitte ein wuchtiger Holztisch. Am großen gemauerten Herd stehen junge Burschen und bruzeln ein wohlriechendes Abendessen. Wir drei beschließen auf der Wiese unter jungen Birken unseren Eintopf zu kochen. Sogar ein paar Würstchen sind noch vorhanden. Wir werden gar nicht wahrgenommen und das ist auch gut so. Portugiesisch können wir eh nicht sprechen. Bevor wir schlafen gehen, denn den Schlaf haben wir nach den Strapazen der Wanderung bitter nötig, besichtige ich noch den Duschraum. Sauber ist eine andere Sache, aber zur Not geht alles. Ich ziehe zum Duschen meine Socken an. Sicher ist sicher, wegen der Fußpilz Gefahr. Auch May-Britt und Leo empfehle ich zum Duschen Socken anzuziehen. Da wir unsere Zimmertür nicht abschließen können, beschließe ich, den Holztisch, der an der Wand in unserem Zimmer steht, vor unsere Tür zu stellen Seltsamerweise ist nämlich kein Schlüssel vorhanden.

Wir haben gut geschlafen und kochen auf unserem Gaskocher auf der Wiese einen guten Tee und essen unser letztes Brot. Außerdem füllen wir unsere Feldflaschen noch einmal mit Leitungswasser auf. Wir sind jetzt mittlerweile vier Tage unterwegs und hoffen, heute Abend noch in unseren Betten im Hotel in Funchal schlafen zu können. In dieser schönen Ferienanlage finden wir ein Hinweisschild mit Richtung „Santana“ unserem letzten Ziel der Wanderung. Von Santana wollen wir ja mit einem öffentlichen Bus nach Funchal zurückfahren.

Endlich und überglücklich erreichen wir das kleine Städtchen Santana oberhalb der Atlantikküste mit seinen schmucken strohbedeckten bunten Häuschen. An der Hauptstraße entdecken wir einen kleinen Gemischtwarenladen, „Venda“ auf Portugiesisch. Schon beim Hineingehen schauen uns die Einwohner staunend an. Wie sehen wir bloß aus? Ein bisschen müde und wackelig auf den Beinen. „Please, can we have fresh Aqua in our bottles?“ frage ich den Verkäufer und überreiche Leos und meine Feldflasche. Bevor er mit unseren Feldflaschen nach hinten in seinen Landen verschwindet, möchte er noch wissen, woher wir kommen. In der Zwischenzeit sind mehrere Kinder, ein Hund und noch ein paar Erwachsenen in den kleinen Laden gekommen. Alle schauen uns verdutzt und neugierig an. Soche Wanderer und dann noch ein junges blondes Mädchen mit einem schweren Rucksack. So etwas sehen sie hier nicht alle Tage. Der freundliche Verkäufer erscheint wieder mit unseren Flaschen und überreicht sie uns. Da seine Auslagen mit Salami und Käse so appetitlich aussehen, kaufen wir noch von diesem und jenem etwas. Als ich meine Geldbörse aus dem Rucksack hole, um alles zu bezahlen, sagt der Madeirienser. „No no Senhora“.. und weiteres auf Portugiesisch. Ich gebe ihm trotzdem Geld, er verweigert die Annahme. Die Leute im Laden lachen. Auch wir müssen über so viel Freundlichkeit lachen. Wir bedanken uns ganz herzlich „ubrigada“ und „adeus“ und gehen zurück zur Hauptstraße. Und jetzt? „Wir brauchen noch Fahrscheine für den öffentlichen Bus“ sage ich. Oftmals kauft man im Ausland die Tickets separat in einem Tabakladen oder ähnlichem. May-Britt spricht ein junges Mädchen auf Englisch und Französisch an. Sie versteht aber leider nichts. Noch ein Versuch. Nichts. Also setzen wir uns an den Straßenrand und warten halt, bis ein Bus kommt. Wir sehen auch keine Haltestelle. Nach einer Weile sagt Leo: „Ich habe Durst, ich muss jetzt endlich etwas Trinken“ und setzt seine Feldflasche an den Mund. Fast hätte er sich verschluckt. In der Flasche war kein Wasser, es war Wein! Auch meine Flasche war mit Wein gefüllt. „Also trinken wir Wein. Was meinst du Tochter?“ sagt Leo. Zu unserer Freude erschien auch irgendwann ein Bus. Wir stehen auf und machen die bekannte Handbewegung. Der Bus hält. Wir sind glücklich. Von den in dem Bus sitzenden Madeireneser werden wir drei wieder mit großen Augen angesehen. Sehen wir wirklich so sonderbar aus? Nach vielen engen Kurven mit den klapprigen Bus erreichen wir endlich Funchal und schauen auf den blauen Atlantik und freuen uns auf die nächsten Tage auf dieser herrlichen Insel.

Wir haben leider auf der Hochebene keine Wildpferde gesehen, dafür sind wir mit einer fantastischen, wilden Bergwelt belohnt worden. Wir hatten keinen dichten Nebel, keinen Regen und kein bedrohliches Gewitter erlebt, wie im Reisführer gewarnt wurde.

In unserem Hotel duschen wir erst einmal ausgiebig, packen unsere Rucksäcke aus, ziehen uns etwas Schönes an und freuen uns auf ein ausgiebiges Abendessen in einem schönen Ambiente. Leider schlafen wir in dieser Nacht sehr unruhig, gestört von nächtlichem Lärm. Auch May-Britt sagt, dass sie nachts oft aufwacht. In der Nähe unseres Hotels führt eine steile Straße in die Berge auf der nachts viele Militärfahrzeuge in 1. Gang laut bergauf fahren. Diese nächtlichen Störungen, so unsere Meinung, sind nicht hinzunehmen und so fragen wir bei der Touropa Leitung an, ob sie uns ein anderes ruhiges Hotel anbieten können. Und tatsächlich. Wir bekommen eine neue Unterkunft. Es ist die „Quinta Elisabeth“. Ein ehemaliges Landhaus mit einem großen Garten. Umgeben von einer hohen Mauer und einem großen schmiedeeisernen Eingangstor. Und was May-Britt und ich super finden. Sogar ein Swimmingpool mit einem Sprungbrett ist im Garten vorhanden. Hier, so meinen wir kann man sich echt wohlfühlen. Von unserer Terrasse aus haben wir aber eine schöne Aussicht auf die Stadt und die Hafenmole mit den vielen kleinen Fischerbooten. Weiter schweift der Blick über die Festung, die gepflegten Terrassenfelder und den Herrschaftshäusern, die mit überschwänglichen Blumengärten geschmückt sind. Lange kann man hier verweilen. Es gibt so vieles zu beobachten. Aber wo es oft paradiesisch ist, gibt es auch Schattenseiten. Nachts hören wir lautes Bellen der Hunde aus den unter uns liegenden Häusern. Aber daran haben wir uns nach einer Weile gewöhnt. Mit der Hausbesitzerin, einer verwitweten „Grand Madame“, haben wir uns sofort gut verstanden. Ihre Kinder leben und arbeiten alle in Lissabon, erzähle sie uns. Wir sind nur wenige Touristen die aber jeden Morgen mit Madame im großen Speisezimmer, ausgestattet mit schönen alten Möbeln und sehr schönen feinen Geschirr, frühstücken. Schon morgens wollte Madame von uns wissen, ob wir abends hier essen möchten und was sie uns kochen solle. Unsere Antwort war sogleich: „Wir hätten gerne Espada (Degenfisch) mit viel Alve (Knoblauch) fügt Leo hinzu und auch Atum (Thunfisch) essen wir sehr gerne“. Alles köstliche Speisen. Erst hier in der „Quinta Elisabeth“ mit dem wunderschönen Garten voll blühender lila Bourgainvilleen, Rosen und Geranien in verschiedensten Farbnuancen fühlen wir drei uns pudelwohl und May-Britt und ich kosten den Pool voll aus. Es macht Spaß mit Anlauf vom Sprungbrett ins Wasser zu springen und Liegestühle stehen auch überall bereit. „Was essen wir heute Mittag?“ May-Britt sieht uns fragend an. „Gute Frage, am besten wir gehen in die Altstadt und schauen uns in der Markthalle um“ antworte ich. Auf dem langen Weg von der Quinta in die Altstadt leuchten die blauen Blumenkegel des Agapanthus und Hortensien in allen Farbschattierungen am Straßenrand. Es macht echt Freude hier spazieren zu gehen. An dem Überangebot der lecker aussehenden und duftenden Früchte in der Markthalle können wir nicht vorbeigehen und kaufen uns eine große Schale Erdbeeren, Himbeeren, die kleinen süßen Madeirabananen, Brot und Käse wie auch ein paar Eier. Eigenes Besteck und Geschirr gehören ja zu unserer Zeltausrüstung. Zurückgekehrt in der Quinta werde ich die Eier auf unserem Campinggaskocher vorsichtshalber im Bad kochen. Dabei ist uns etwas Peinliches passiert. Grand Madame, wie wir sie nannten, ist mit einer älteren Frau aus Estland befreundet. Wir sind gerade dabei, unsere Erdbeeren und unser Käsebrot zu essen, als es an der Tür klopft. „Ja bitte“ sagt Leo. Vor der Tür steht die Estländerin. Sie entschuldigt sich, fragt aber zugleich, ob sie sich mit uns unterhalten könnte, denn ihre Freundin hatte ihr berichtet, dass wir aus Deutschland sind. Als ich die Frau sehe bekomme ich ein schlechtes Gewissen, denn im Bad kochen unsere Eier. „Oh oh“, ich entschuldige mich und verschwinde ganz langsam ins Badezimmer. Schade, im Moment müssen wir auf unsere Eier verzichten. Senhorra Anna erzählt uns dann, dass sie mit ihren Eltern nach dem Krieg nach Schweden ausgewandert sind, weil die Russen ihren Anspruch auf die baltischen Staaten bei den Friedensverhandlungen 1945 geltend gemacht haben. Die Estin hat sich jetzt als Rentnerin Madeira wegen des warmen Klimas als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Sie hat sich dann öfters mit uns unterhalten. Wir fanden sie sehr sympatisch.

Da wir oberhalb Funchals am Berghang wohnen, bot sich ein Besuch des botanischen Gartens, dem „Jardin Botanico“ an. Es ist der ehemalige Wohnsitzt der schottischen Familie Reid, die auch das berühmte Reid’s Hotel oberhalb der Steilküste in Funchal gebaut hat. Eine Fülle exotischer prachtvoller farbenfroher Pflanzenwelt empfängt uns. Leuchtender Hibiskus, prachtvolle Orchideen, Bougainvilleen, Eukalyptus und Tulpenbäume. Außerdem zahlreiche uns unbekannte andere tropische und subtropische Pflanzen mit ihren bizarren Farben und Formen. Von hier oben genießen wir auch den herrlichen Blick auf die Stadt und den Hafen. Wir lassen uns von der Farbenpracht verzaubern.

„Historische Gärten sind lebende Kunstwerke und kunstvolle Natur zugleich. Ein Garten ist ein Bild vom Paradies, eine Welt von poetischer Sinnlichkeit und Schönheit“ Diese für mich so zutreffenden Sätze habe ich mal in einem lesenswerten Buch entdeckt. Nach so viel Naturschönheit haben wir echt Lust heute Abend in einem gemütlichen Restaurant essen zu gehen. Unten in der Altstadt in der Nähe des Hafens entdecken wir ein Restaurant, das auch im Reiseführer empfohlen wird: „Estrela do Mar“. Schon beim Betreten des Restaurants empfinden wir eine wohlige Atmosphäre. May-Britt und ich bestellen uns die viel gepriesenen und schmackhaften Filets de Espada (Degenfischfilet) mit gebratenen Bananen, Maracuja Soße und Reis. Leo sucht noch immer auf der Speisekarte etwas Außergewöhnliches. Er meint dann, er würde gerne Hummer essen. „So preiswert Rita, bekommt man diese Sorte von Meeresfrüchten in Deutschland nicht“. Leo bestellt also einen Lagosta. Großartig sieht der rote Hummer auf dem Teller aus, dazu das bestimmte Besteck. May-Britt und ich beobachten schmunzelnd Leos Bemühungen mit dem Schalentier zurecht zu kommen. Und dann fliegen auch schon die ersten Schalen durch das Restaurant. Der Ober hat dann doch Mitleid und zeigt Leo wie man mit dem Besteck an das Hummerfleisch kommt. Zum Nachtisch bestellen wir flambiertes Obst. Ein Ober schiebt einen Teewagen an unseren Tisch, verteilt verschiedene Obstsorten in kleinen Schüsseln, gibt Contreau darauf und zündet alles an. Unsere Augen werden trotz Müdigkeit immer größer. Erst Hummer, dann dieser fantastische Nachtisch. Köstlich, einfach nur köstlich ein wahrer Gaumenschmaus. Gut gestärkt und in bester Laune erklimmen wir unseren Berg zur „Quinta Elisabeth“. Vor der Quinta bleiben wir stehen. Warum stehen dort so viele Kinder vor dem großen schmiedeeisernen Tor? Als wir näherkommen, werfen die Kinder plötzlich Steine auf uns. Was hat denn das zu bedeuten? Ganz schnell öffnen wir das Tor und laufen durch den Garten zu unseren Zimmern. Leo meint dann, dass das wohl mit der politischen Lage hier auf Madeira zusammenhängt. Es gibt zwar noch viele Wohlhabende aber wohl auch viele arme Leute.

Rundreise mit Touropa

Um einen Überblick von der Insel und ihren kleinen Dörfern zu bekommen haben wir uns auch noch für eine Busrundreise angemeldet. Morgens Abfahrt nach Camara, dem Korbflechter Dorf. Hier schauen wir den Korbflechtern bei ihrem traditionellen Handwerk zu. In den Verkaufsräumen des Estalagem Relogio (die ersten Besitzer dieses Hauses waren im 19. Jahrhundert reiche Engländer) stapeln sich Körbe aller Art. Sehr interessant was man aus Weidenruten alles herstellen kann. Über den Poiso Pass kommen wir in das Naturschutzgebiet Ribeiro Frio. Dort entdecken wir die ursprünglichste Vegetation der Insel: Mahagoni-, Lorbeer-, Maiblütenbäume, Baumheide und vieles mehr. Anschließend machen wir eine kleine geführte Wanderung zum Aussichtspunkt „dos Belcoes“ Unsere Fahrt führt uns dann weiter nach Santana. Hier an diesem Ort war das Ende unserer Gebirgswanderung mit dem spendablen Ladenbesitzer. Jetzt haben wir mehr Zeit und schauen uns die vielen traditionellen strohgedeckten Bauernhäuschen mit ihren farbenfrohen Fassaden an. Auf den hohen Feldterrassen wird viel Gemüse angebaut. Dann erklärt uns noch die Reiseleiterin, dass nicht möglich ist auf den kleinen und steilen Terrassen Landwirtschaftsmaschinen zu verwenden. Alles wird manuell gemacht. Für Vieherden fehlt es an Weideland. Die Kühe stehen witzigerweise in vielen kleinen, aus Stein gebauten und mit Weizenstroh gedeckten Ställen, die über die Feldterrassen verteilt sind. Aus diesen sogenannten Palheiros kommen die Kühe nur selten heraus. Wir haben immer nur die Köpfe der Kühe gesehen. Die Bauern transportieren riesige Grasbündel auf den Kopf und den Schultern als Futter herbei. Schließlich begeben wir uns auf die Rückfahrt nach Funchal.

Nächster schöner Tag

Wieder sind wir mit dem Touropa Bus unterwegs. Camera de Lobos ist die erste Station. In diesem malerischen Fischerdorf mit seinen engen Gassen und den vielen Kirchen haben sich die Fischer auf den Fang des Espada spezialisiert. Weiterfahrt nach Estreito de Camera, dem wunderhübschen Weinanbaugebiet. Dann geht’s schon entlang der atemberaubenden Steilküste zum imposanten „Cabo Girão“ der mit 590 m höchsten Steilküste Europas. Ein bisschen Mut und schwindelfreiheit gehört schon dazu, von der Aussichtsplattform hinunter auf den grün-blau schimmernden Atlantik zu schauen. Wir waren begeistert. Es folgt wieder eine Rückfahrt nach Funchal.

Starke Kontraste

Heute wollen wir drei einen besonderen Ausflug machen und fahren mit einem öffentlichen Bus zum zweitgrößten Ort. „Machico“ an die Ostküste. In der Bucht sind 1419 unter dem Kapitän João Goncalves Zarco die Portugiesischen Entdecker auf dieser Insel gelandet. Machicos gotische Kirche gehört zu den ältesten Madeiras. Zwischen den kleinen Häusern und strohbedeckten Hütten gedeihen  Bananen und Papayas. Unser Ziel heute ist aber die Ostspitze der vom Atlantik umtosten Halbinsel „Porto de São Lourenco. Von Machico wandern wir ein Stück an der Küste entlang. Gehen durch einen Tunnel und plötzlich fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Die Landschaft erscheint ausgetrocknet, es gibt keine Felder mehr und etliche Plamen säumen die Straße. Wir erreichen Canical. Dieser Ort verfügt noch heute über eine große Fischfangflotte. Unser Ziel ist beim Weitergehen schon vor unseren Augen. Auf einem Pfad wandern wir durch das Naturschutzgebiet aus Basalt und Kalkstein. Die Steilküsten erscheinen in grau und Blautönen, raue Abbruchkanten schillern rot und braun, je nach Sonnenstand. Bizarre Felsformationen türmen sich im rauschenden Ozean. May-Britt hat Freude daran hier herum zu klettern. Leo macht sehr schöne Fotos von uns. Das Fotografieren in dieser unwirklichen Umgebung macht ihm viel Freude. Wir drei sind wie so oft, hier in dieser „Mondlandschaft“ ganz alleine unterwegs. Zu lange können wir uns bei diesen hohen Temperaturen in der baumlosen Lanschaft allerdings nicht aufhalten und gehen über Canical wieder durch den Tunnel nach Machico zurück, um von dort den öffentlichen Bus nach Funchal zu nehmen.

Nach einer so langen interessanten Wanderung gehen wir heute Abend wieder in unser Lieblingsrestaurant „Estrella do Mar“. Heute Abend haben wir uns für Thunfisch mit Knoblauch entschieden. Der Wirt erkennt Leo wieder und lächelt uns an. Einmal Hummer reicht, beim zweiten Besucht verzichtet Leo auf Hummer. Als Nachttisch entscheiden wir uns für „Pudim“ Kramellpudding mit einer Soße aus Madeirawein. Von unserer Terrasse der „Quinta Elisabeth“ genießen wir den traumhaften Blick zur „blauen Stunde“. Ein herrliches Panorama im Lichterglanz. Unser Urlaub neigt sich dem Ende zu. Was können und wollen wir für zu Hause einkaufen? In einem kleinen Supermarkt kaufen wir zwei große „Balo de Mel“ eine Art Honigkuchen in runder Form. Sehr lange Haltbarkeit. Er ist tief dunkelbraun mit Nüssen, Zimt, Madeirawein und Zitrusfrüchten verfeinert und mit Mandeln verziert. Ich bin versessen auf diesen leckeren Kuchen. Dazu genießt man einen sehr guten Madeira Wein. Um einen Überblick und Auswahl landesüblicher Produkte- wie die für Madeira sehr berühmten und geschätzten Stickereien, Korbwaren, Kacheln, Keramikwasen zu bekommen sind wir in die „Case do Tourista“ an der Avenida do Mar gegangen. In vielen Verkaufsräumen bewundern wir die für Festtafeln weißen Tischdecken mit wunderschönen Stickereien. Ich habe dann für unseren Bedarf zu Hause sechs hellblaue Tischsets mit weißer Stickerei gekauft. Bei einer braunen Seidenbluse, mit weißer Lochstickerei versehen, kann ich nicht widerstehen. Zum Schluss haben wir noch zwei mit Blumen und Tieren bemalte Keramikteller gekauft, die auch heute noch in meiner Küche (wir schreiben das Jahr 2020) an der Wand hängen. Sie erinnern mich noch heute an unsere drei wunderschönen Urlaube auf dieser Insel des ewigen Frühlings.

Braungebrannt, gut erholt und mit vielen interessanten, beeindruckenden Erlebnissen im Gedächtnis, fliegen wir zurück nach Frankfurt. Was hat uns gewogen mit Zelt und Gaskocher in das unbekannte Hochgebirge zu gehen? Es war die Neugier und wohl auch Abenteuerlust!